Der Wandel der Dinge

Interpretationen. Projektionen. Annahmen. Unterstellungen. Illusionsschleifen.

Wir geben uns den eigenen Phantasien über die Motivation des Anderen hin. Es ist schwierig (mit hoher Wahrscheinlichkeit gelingt es uns nie), zu wissen, wie es im Innern unseres Gegenübers aussieht. Selbst wenn er dies mit noch-so-vielen Worten beschreibt. 

Gleich wie aktiv ich zuhöre. Es bleibt bei den Worten, die ich höre. 

Und diesen Worten gebe ich meine eigene Bedeutung. Verknüpfe diese mit meiner eigenen Geschichte. Es erzeugt eine andere Wirklichkeit in mir als die, die mein Gegenüber fühlt bzw. mir verständlich machen will. Und durch Nachfragen, Zusammenfassen des Gehörten, beginne ich mir die Bedeutungen meines Gesprächspartner zu erschliessen. Und füge für ein erstes, zweites Bild das Handeln bzw. sein Nicht-Handeln hinzu… 

Für ein paar Minuten „Innehalten“ steht diese inspirierende Geschichte. Geschichten finden (oft) den direkten Weg zu unserem Herzen. Sie laden ein, den Worten nachzufühlen. Für diese Momente achtsam zu sein. Ohne zu bewerten. Ohne zu analysieren.   Sie laden ein, das Leben, seine eigene Ziele in Perspektive zu (ver-)rücken. Sie sind ein fester Bestandteil in meiner Arbeit mit Menschen.

Ganz viel Freude beim Schmökern, vielleicht beim Wiedersehen alter literarischer Bekannten.

Ich wünsche Ihnen eine Zeit voller Wunder und magischen Augenblicke,

Ihre

Sabine Steigner

Der Wandel der Dinge

Ein junger Student des Zen war auf dem Weg zum Markt, um Gemüse für sein Kloster zu kaufen. Auf dem Weg begegnete er einem Studenten eines anderen Klosters der Umgebung, den er vom Sehen kannte. 

„Wohin gehst du?“, fragte er den anderen Studenten. 

„Wohin meine Beine mich führen“, entgegnete der Adept unbekümmert.

Unser Student brütete über die Antwort, die er bekommen hatte. Sicherlich hatte es eine tiefere Bewandtnis mit dieser Aussage. Zurück im Kloster erzählte er seinem Meister von dem Treffen, der ihm daraufhin riet: „Du hättest ihn fragen sollen, was er tun würde, wenn er keine Beine hätte.“

Am nächsten Tag begegnete der Student dem anderen jungen Mann erneut. „Wohin gehst du?“, fragte er ihn und ergänzte dann ohne eine Antwort abzuwarten „Oh, ich weiß. Wohin deine Beine dich führen, nehme ich an.“

„Nein!“, kam die unerwartete Antwort. „Heute folge ich dem Wind.“ Diese Antwort brachte den Studenten wieder aus dem Konzept. Zurück im Kloster berichtete er seinem Meister von dem Vorfall. 

„Du hättest ihn fragen sollen, was er tun würde, wenn kein Wind wehen würde“, riet der alte Meister.

Wie es der Zufall wollte, geschah es, dass der Student dem anderen am folgenden Tag erneut in der Nähe des Marktes begegnete.

„Sag mir, was der heute vorhast! Ich nehme an du gehst, wohin deine Beine dich tragen oder wohin der Wind weht. Aber was, wenn…“

„Nichts von dem“, entgegnete der junge Mann mit einem schelmischen Grinsen. „Heute bin ich hier, um Gemüse zu kaufen.“

photo@rodion kutsaev