Umwege zum Ziel

Ein Zen-Schüler ging zu seinem Lehrer und fragte ihn: 
"Muss ich mich eigentlich erst verlaufen, bevor ich 
mein Ziel finde?" 

Der Lehrer sagte: "Seitdem ich kein Ziel mehr habe, 
verlaufe ich mich nicht mehr."

Zielorientierung für ein gemeinsames Handeln gilt sowohl für den Kontext „Unternehmen“ als auch für unser eigenes Leben. In wie weit „müssen“ diese Ziele möglichst präzise definiert sein? Eine Frage, die ich in der beruflichen Neu-Orientierung fast durchgängig gestellt bekomme.

Ohne auf meine Antwort zu warten, schiesst mein Gegenüber gleich nach: „… damit eine clevere Strategie entwickelt werden kann. Um sie irgendwann-später auch zu erreichen.“

Verstehe ich. Klingt logisch. Meist tritt das Gegenteil ein: Je genauer ein Ziel definiert wird, desto mehr verirre ich mich im Labyrinth der Details.

Die Prozesse des Lebens, ebenso der Wirtschaftswelt, addieren sich selten eins-zu-eins, um am Ende safe und exakt bei der Zielsumme anzukommen. Es verbergen sich so viele kreative Vorgänge. So viel kreierender Flow.

Wer hat nicht schon an Konzepten mit Zielvorgaben oder -vorstellungen mitgearbeitet, wissend oder ahnend, dass diese sich never-ever in dieser Weise verwirklichen werden. Trotz diesen Erfahrungen haben wir eine unstillbare Sehnsucht, Ziele und Wege genau zu definieren. Dass wir deswegen dort ankommen, wo wir hinwollen, bleibt eine Illusion.

Die Realität zeigt uns auf, dass detaillierte, genaue und teils auch starre Definitionen, schöpferischen Impulsen keinen Raum bieten. Oft genug wird stur auf ein Ziel los-marschiert und mit ganz viel Energieleistung versucht, Wände einzurennen. Um dann festzustellen: „So habe ich mir das nicht (aus-)gedacht. So war das eigentlich nicht gemeint.“

Ich inspiriere in meinen Gesprächen, dem Ziel die Starre zu nehmen, um dem Ziel Möglichkeiten zu geben, zu variieren. Es an die aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Zu tun, was gerade in unserer Welt machbar ist. Gerne auch unter dem Aspekt „Quick Win“.

So oft erlebe ich dann, wie Widerstände verschwinden, wenn der „Druck“ wegfällt, unbedingt-und-einzig-und-allein-an-einem-Ziel ankommen zu müssen. Loslassen. Neues neben unseren Denkmustern zuzulassen.

Loslassen ist kein Beweismittel für Gleichgültigkeit dem Problem gegenüber. Es ist in meiner Welt ein „Tool“ unserer Problemlösungsstrategie. Das Problem ist ein Impulsgeber.

Was spricht dagegen, das direkte Ziel ruhig einmal aus den Augen zu verlieren? Pause vom tiefgründigen Grübeln oder intensiveres Bemühen zu machen. „Alles“ zuzulassen.

Mir selbst Zeit, Freiräume zu schenken, die ich brauche, um einen neuen, für mich einzigartigen Weg zu finden, auf dem ich mein Ziel erreichen…

Welcome as you are.

photo@blake cheek