Wer bin ich?

"Das größte Problem in der Kommunikation
ist die Illusion,

sie hätte stattgefunden."
(George Bernard Shaw)

In den ersten wenigen Minuten eines Telefonats mit einem Kandidaten oder Coachee erfahre ich die berufliche Funktion meines Gesprächspartners. 

Inhaber:in der Firma XYZ. Oder Mitglied des Management Boards im internationalen Konzern Bemerkenswert. Oder Leiter:in der Abteilung „Wichtig“. Ich kenne nur wenige Visitenkarten, die ohne eine Nennung der Position auskommt. 

Die „Definition“ unseres beruflichen Tuns bietet unserem Gegenüber eine Orientierung. Das ist sinnstiftend.

Was ich (jedoch) vereinzelt wahrnehme, ist die Situation, dass mein(e) Gesprächspartner:in die berufliche Stellenbezeichnung und/oder auch die Rolle, die er/sie in der Gesellschaft hat, mit seiner Persönlichkeit gleichsetzt.

Erkennen Sie eventuell einen (Mit-)Menschen in Ihrem Umfeld wieder?

Die Fülle unserer Identität setzt sich aus so vielen unterschiedlichen „Teilen“ zusammen: Vergangenheit (genetische Struktur, soziales Erbe und natürlich auch Erziehung). Gegenwart (was wir beruflich und privat/persönlich im jetzigen Augenblick sind und tun). Zukunft (unsere Bilder, unser großes-ganzes Bild für das morgen, Sehnsuchtsziele nebst Wünsche). 

Wie kann ich eine rund-um-vollständige, lebendige persönliche Identität empowern – obgleich der dominanten Rolle in unserer beruflichen Welt?

Für mich eine essentielle Frage. Über die ich mit Kandidaten philosophiere, teils arbeite, welche u. a. arbeitslos werden bzw. sind (und dadurch wurde die berufliche Identität überflüssig). Wer bin ich ohne meinen letzten Arbeitgeber? Welchen inneren Wert gab mir das (alte) Unternehmen?  

Um Lösungen zu kreieren, die eigene Identität zu erweitern…

Dazu eine Zen-Geschichte aus Japan:

„Eines schönen Tages bat der Statthalter des Kaisers den großen Zen-Lehrer und Abt eines bedeutenden Klosters in Kyoto um eine Unterredung. 

Der Diener des Abtes gab dem Zen-Meister die Karte des Statthalters, auf der geschrieben stand: Zutat Tschikagaki, der Statthalter des Kaisers in Kyoto.

Der Meister drehte und wendete die Karte, reichte sie dem Diener und entgegnete ihm: „Mit diesem Mann möchte ich nichts zu tun haben. Er soll gehen.“ 

Betreten ging der Diener zu dem Statthalter , gab ihm die Karte mit tiefen Verbeugungen zurück und sagte, der Abt könne ihn leider nicht empfangen. Der Statthalter starrte auf die Karte, dann nahm er einen Stift und strich die Worte „Statthalter des Kaisers in Kyoto“ durch. 

Er reichte dem Diener die Karte erneut. Dieser ging zu seinem Lehrer und zeigte ihm sie. „Ah!“, rief da der Abt. „Draußen wartet Zutat Tschikagaki? Sage ihm, ich freue mich auf ein Gespräch mit ihm.“

Welcome as you are.

 

photo@george tasios